Frieden mit Fremden
Bereit sein, den Horizont zu erweitern
Reisen, Entdecken, verschiedene Gerichte probieren: Das hat mich immer fasziniert, ich bin offen gegenüber Neuem und Unbekanntem. Aber zu etwas hatte ich irgendwie keinen Zugang, etwas war mir grundsätzlich fremd: der Islam und dessen Kultur. All meine Informationen und Kenntnisse darüber hatte ich hauptsächlich durch die Medien und die Meinungen anderer Leute bekommen. Dies prägte mein Bild vom Islam, das dementsprechend voller Vorurteile und negativer Wahrnehmungen war.
Im Jahr 2015 kam die sogenannte Flüchtlingswelle und ich lernte viele Leute kennen. Unter anderen Mohammed, mein neuer Nachbar aus dem Jemen. Er kam ab und zu bei uns vorbei und wir fingen an zu diskutieren. Ich stellte ihm viele Fragen über seinen Glauben und seine Kultur. Ich war überrascht, wie viele Parallelen es zu meinem Leben und meinem Glauben gab, wie ähnlich unsere Werte sind. Ihm sind zum Beispiel Gnade, Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit genauso wichtig wie mir. Er lebt Selbstlosigkeit und Demut vor. Natürlich gibt es Unterschiede, aber von Mohammed habe ich viel gelernt und ich konnte viele Vorurteile abbauen.
Mein Bild vom Islam, meine Einstellung gegenüber dieser Kultur und allgemein mein Umgang mit Fremden veränderte sich. Mir wurde bewusst, dass der Schlüssel zum Abbau von Vorurteilen und falschen Vorstellungen persönliche Beziehungen mit den einzelnen Menschen sind. Durch Gespräche und Begegnungen wird Fremdes bekannt und Brücken werden gebaut. Man entdeckt vielleicht sogar Ähnlichkeiten und kann den Horizont enorm erweitern. Wieso mir das wichtig ist? Menschen, die in die Schweiz geflohen sind, haben meistens keinen Frieden in ihrem Herkunftsland erlebt. Wir sind reich beschenkt mit Frieden und haben die Verantwortung, diesen Frieden auch weiterzugeben. Diese Verantwortung will ich nicht klein machen. Außerdem wer von uns hat denn gewählt wo er geboren wird? Wir können nicht den Anspruch haben, dass dieses Land nur unsere Heimat ist. Dadurch ist mir auch wichtig geworden, mehr für Gerechtigkeit einzustehen. Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte und ich will nachfragen, statt der Mensch anhand von pauschalen Vorurteilen zu beurteilen wie ich das bis anhin bei den meisten Moslems gemacht habe.
Für mich ist es ein klarer und offensichtlicher Auftrag, Frieden mit Fremden zu haben. Es kostet nichts; alles was ich machen muss, ist, persönliche Beziehungen zu suchen und zu leben.
Sarah wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern in einer grossen WG in Burgdorf. Sie ist Oberstufenlehrerin und macht gerne Sport und Musik. Ausserdem geniesst sie den Kontakt mit Menschen und investiert sich in Projekte für Migranten und Randständige.
